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Zwei Lebensweisheiten, die ich von Matisse gelernt habe

Matisse-Inspiration-feature

Seit meiner Jugend liebe ich die Arbeiten von Matisse. Es waren vor allem die farbenfrohen “gouaches découpées”, seine Scherenschnitte aus eingefärbtem Papier, die mich unmittelbar berührten.

Als ich dann nach dem Abitur mit einer Freundin nach Vence reiste, konnte ich sogar in der Villa übernachten, in der Matisse in den Kriegsjahren unweit von Nizza gelebt hatte. Ich ahnte in diesem Urlaub, was ihn an Südfrankreich begeistert hatte: das besondere Licht, das milde Klima, die Farben und Düfte der Provence.

Vence-Collage

Anlässlich des PhotoZen-Onlinekurses habe ich mich im letzten Jahr noch einmal intensiver mit Matisse beschäftigt und war wieder fasziniert von der inspirierenden Lebensgeschichte des Künstlers.

Wer weiß, wozu es gut ist?

Matisse verbrachte in einer späteren Lebensphase einen längeren Aufenthalt auf Tahiti. Die Zeit dort auf der Insel empfand er als unproduktiv. Erst Jahre danach beeinflusste seine Reise in die Südsee auf grandiose Weise sein Werk, als die Formen und Farben Polynesiens in seine organischen Scherenschnitte einflossen. Für mich zeigt dies, dass man nicht immer aus allem gleich “etwas machen” muss. Alle Erfahrungen, die wir sammeln, können zu irgendeinem anderen Zeitpunkt wieder von Bedeutung sein. Es ist geradezu wichtig, auch scheinbar vollkommen unnütze Dinge auszuprobieren, die eigentlich erst einmal zu nichts führen. Manchmal muss man erst weitergehen, um dann durch neue Erkenntnisse oder Lebensumstände bereit zu sein, alles auf ganz eigene Art neu zusammen zu bringen.

Inspiriert von Matisse

Aus der Begrenzung entsteht Fülle

Aufgrund einer Krebserkrankung war Matisse in seinen letzten Lebensjahren stark in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt und zudem wusste er nicht, wie viel Zeit ihm überhaupt noch bleiben würde. Aus diesen Zwängen heraus entstanden schließlich seine wundervollen Scherenschnitte. Matisse konnte nicht mehr malen und so ließ er von Assistenten Papiere in wunderbar leuchtende Gouachefarben tauchen und schnitt dann mit der Schere seine scheinbar einfachen, reduzierten Formen aus. Er ließ diese Papierstücke von seinen Mitarbeitern so lange arrangieren, bis Kompositionen entstanden, die extreme Leichtigkeit und Lebensfreude ausstrahlten und dabei in ihrer Einfachheit geradezu radikal waren:

“Seine extreme Reduk­tion der Collage war ein muti­ger Schritt, der ihm auch Spott einbrachte. Doch Matisse fühlt sich in diesem letz­ten Lebens­jahr­zehnt schein­bar wirk­lich frei. Ziel­si­cher fährt er mit der Schere durch vorbe­rei­tete Papiere, schafft riesige Projekte, äußert angeb­lich, was er wirk­lich denkt und fühlt. Er habe zu seinem wahren Selbst gefun­den, soll er gesagt haben.”(Schirn-Magazin)

Äußere Zwänge und innere Freiheit führten bei Matisse zu einem wunderbaren Ergebnis. Es muss eben nicht immer alles vorhanden sein, damit wir etwas Besonderes erschaffen können. Vielleicht ist das wahre Kreativität: Aus wenigen Mitteln mit viel Phantasie und persönlicher Erfahrung etwas zu erschaffen, das berührt und einzigartig ist.

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